Archiv der Kategorie: 2020

Heri ya mwaka mpya! – Silvester auf Sansibar

Hallo zusammen,

nach einem tollen Weihnachtsfest und ging es für mich und Judith in den Urlaub.

Wir sind mit den anderen Freiwilligen aus Tansania für 10 Tage auf Sansibar gefahren.
Leider wurde ich schon vor Beginn der Reise krank und musste somit mit Erkältung und Fieber in den Urlaub. (Entwarnung: ich hatte kein Malaria!!) Es war wirklich sehr schön die anderen wieder zu sehen und sich gegenseitig zu erzählen, wie es einem in der eigenen Einsatzstelle ergangen war und was für Erfahrungen man schon gemacht hatte.
Nachdem wir 3 Stunden mit der Fähre von Dar es Salaam gefahren sind, sind wir endlich auf Sansibar angekommen. Der erste Eindruck: sehr, sehr viele weiße Menschen!!!!! Es war etwas erschreckend, da wir das gar nicht mehr so gewöhnt sind. Außerdem war für uns auch sehr komisch zu sehen, dass die ganzen Touris so kurze Klamotten tragen. Wir tragen nämlich meistens Röcke oder Kleider bis über’s Knie und schulterbedeckende T-Shirts, aber hier tragen die Leute halt, wie normale Touristen, kurze Hosen und Tops. Trotz allem konnten wir uns von den anderen Weißen mit unseren Grundkenntnissen des Kiswahilis gut unterschieden, was nur zu unserem Vorteil war. So haben wir Essen, Tickets oder Souvenirs günstiger bekommen. Dementsprechend haben wir auch sehr viel erlebt.
Wir wohnten in einem Hostel in Stone Town, der Hauptstadt von Sansibar und haben tagsüber Ausflüge gemacht. 
Wir sind an einem Tag mit einem Boot auf „Prison Island“ gefahren. Diese Insel ist eine der vielen Inseln vor Sansibar. Dort haben wir erst das Gefängnis und anschließend Schildkröten angeschaut. Für mich persönlich einer der schönsten Ausflüge.
Außerdem waren wir Schnorcheln. Ein tolles Erlebnis, welches ich nur empfehlen kann. Es gab Korallenriffe und Unmengen an Fischen zu sehen. Die Unterwasserwelt ist einfach etwas sehr faszinierendes. Wir hatten sehr viel Spaß . An den anderen Tagen haben wir viele Strände besucht und die Stadt Stone Town näher angeschaut. Ein bisschen Shopping dürfte natürlich nicht fehlen. Wir haben uns wirklich von so vielen Stoffen und der Farbenwelt der Gewürze sehr inspirieren lassen.
Nicht zu vergessen war auch unsere Silvesternacht. Wir haben erst in einer Bar etwas getrunken und sind dann anschließend an den Strand und haben dort unsere letzten Minuten im Jahr 2019 verbracht. Es war unglaublich schön und auch anders als ich es erwartet hätte.
Für mich ging nämlich ein aufregendes Jahr 2019 zu Ende und ein noch aufregenderes Jahr 2020 begann.

Jetzt sind wir wieder in Mkuranga und schon voll bei der Arbeit.

Liebe Grüße von uns

Judith und Klara

Chirurgie im Philippine General Hospital – General Surgery 2

Mein Alltag in General Surgery 2

Nun bin ich schon zwei Monate als „Intern“ (Student im Praktischen Jahr) im Philippine General Hospital (PGH) unterwegs. Gestern ist nun auch mein Monat in General Surgery 2 zu Ende gegangen. General Surgery 2 (GS2) ist die Abteilung für Kolorektale Chirurgie.

Das ich mich immernoch in der Chirurgie befinde findet mein Alltag hauptsächlich im OP Komplex des PGH statt. Entsprechend des Schwerpunktes der Abteilung werden in den OP Sälen von GS2 hauptsächlich Kolorektale Tumore (Darmkrebs) operiet. Das ist durchaus eine wichtige Aufgabe, denn Darmkrebs ist einer der häufigsten Krebsarten weltweit. Dabei sind häufige Operationen das Entfernen des Tumors, das Zusammenähen der übriggebliebenen Darmanteile, sowie das Anlegen und Zurückverlagern von künstlichen Darmausgängenv (Stoma). Häufig wird dabei offen operiert, d.h. mittel einem langen Längsschnitt wird der Bauch in der Mitte eröffnet. Wenn ein erfahrener Chirurg operiert, dann wird manchmal auch laparoskopisch, sprich minimalinvasiv mittels mehreren kleinen Schnitten und Endoskopen operiert. Für Tumore im Bereich des Rektums wird dabei auch der DaVinci OP Roboter des PGH verwendet. Hier versprechen sich die Chirurgen einen Vorteil, da man bei diesen OPs oft auf engem Raum operieren muss.

DaVinci OP Roboter im Einsatz

Der Chirurg sitzt an der Konsole und bedient den Roboter

Schon wieder ich im OP. Diesmal mit umweltbewusster Haube.

Da das operieren im Bauchraum und das Nähen des Darmes sehr Zeitintensiv ist, dauern die OPs lange – 4h+ sind die Regel. Die elektiven OPs gehen dann oft erst nach 1900 zu Ende. Meine Aufgaben sind dabei recht simpel. So beschränkt sich meine Tätigkeit häufig auf das Halten von OP Haken und Einstellen der Beleuchtung. Wenn ich Glück habe darf ich auch mal Tackern, Faden abschneiden oder den Sauger bedienen. Ein Highlight des vergangenen Monats war, das ich bei einem Tumor der auch den Blinddarm (Appendix) erfasst hat, eben diesen mit dem Skalpel abschneiden durfte. Interessant ist dabei noch, dass sich manchmal erst im Verlauf der OP herausstellt, dass der vermeintliche Krebs eigentliche eine Form von Tuberkulose ist, die den Darm befällt. Dieses Krankheitsbild ist auf den Philippinen wohl häufig. Dabei befallen die Tuberkulose Bakterien manchmal den Darm bevor sie überhaupt die Lunge angreifen.

Neben dem OP bin ich auch im Montag und Donnerstag nachmittags im Out Patien Department (OPD) unterwegs, was so etwas ist wie eine Sprechstunde/Ambulanz. Dort begegnen mir hauptsächlich Hämorrhoiden, Analfisteln, Feigwarzen (Condylomata acumiata), Darmkrebs und Wundkontrollen nach OPs. Hier darf ich selbstständig Patientengespräche führen, Patienten untersuchen (unangenehmerweise auch rektal) und in Rücksprache mit den Residents auch mal das weitere Vorgehen festlegen. Natürlich wird das was ich tue von den Residents kontrolliert und abgestempelt.

Im OPD gibt es auch einen kleinen OP Bereich, in dem jeden Montag vormittag eben Hämorrhoiden, Analfisteln und Feigwarzen operiert werden. Da es sich dabei um einfache Operationen handelt, operieren hier hauptsächlich Residents und Studenten. Was für mich spannend sein kann, denn dann darf ich auch mal etwas mehr zum OP Erfolg beitragen. Es gibt sogar einen Bereich in dem Studenten unter Aufsicht eines Residents kleinere Hauttumoren entfernen.

Als weiteres Tätigkeitsfeld im Rahmen von GS2 gibt es noch das Darmkrebszentrum. Dort wird mit den Patienten die weitere Therapie geplant, Chemotherapie und Bestrahlungsschemen festgelegt sowie Kontrolluntersuchungen duchgeführt. Da dies ziemliches Detailwissen zu den einzelnen Tumoren und Tumorstadien erfordert bin ich hier blos Zuschauer.

Eindrücke zum Nachdenken

Manche Momente die ich hier im PGH erlebt habe, regen mich zum denken an. So ist es schon vorgekommen, dass während der OP der Strom ausfällt. Zum Glück sind die wichtigsten Maschinen mittels Notstromaggregat versorgt. Der Anästhesist muss aber zur Beatmung dann teilweise auf den Beatmungsbeutel zurückgreifen. Teilweise sind die Scheren und Instrumente die das Krankenhaus zur Verfügung stellt schon so alt, dass sie nicht mehr richtig funktionieren. Erstaunlicherweise gibt es dabei einige OP Schwestern, die mit ihrem eigenen Geld neue OP Instrumente kaufen und mitbringen! Auch ist in manchen OP Sälen die Klimaanlage kaputt, im Raum ist dann lediglich ein Ventilator vorhanden. Da kommt man beim Operieren ganz schön ins schwitzen. Das bisher Erstaunlichste sind dabei wohl die Improvisierten Stomabeutel für künstliche Darmausgänge. Diese Woche erst ist mir bei der Visite ein Patient begegnet der anstatt eines normal Stomabeutel lediglich eine Plastiktüte mittels Tape an seinem Bauch befestigt hat. Da diese Fälle häufig sind haben Ärzte des PGH sogar eine Publikation dazu veröffentlicht. (https://doi.org/10.3399/bjgp12X656937)

Da die Klimaanlage kaputt ist, muss der Ventilator genügen

Was mir desweiteren auffällt ist die Ungleichheit der Patienten im PGH. Es gibt einen großen unterschied zwischen Pay Patienten mit guter privater Krankenversicherung, und Charity Patienten die entweder gar keine oder die magere staatliche Krankenversicherung (PhilHealth) besitzen. Auf der Privat Station gibt es Einzel- und Zweibettzimmer, Klimaanlage und Fernseher. Auf der Charity Station liegen die Patienten Bett an Bett in einer großen Halle, lediglich ein paar Ventilatoren sorgen für ein bisschen Abkühlung im heißen Klima der Philippinen. Auf der Privat Station geht ein Fellow (Oberarzt) Visite, auf der Charity Station die Residents alleine. Privat Patienten werden nur von Consultants (Chefärzte) operiert, Charity Patienten teilweise von Residents alleine. Natürlich passen die Ärzte im PGH auch darauf auf, dass keiner überfordert wird, so werden schwierige Operationen bei Charity Patienten auch von Fellows und Consultants durchgeführt, aber der Unterschied ist dennoch da. Da lernt man das deutsche Versicherungs- und Gesundheitssystem trotz all seiner Schwächen zu schätzen.

Charity Ward (Wohltätigkeitsstation)

Stolz und Liebe

Um zu meiner Arbeit im Slum zu gelangen durchquere ich jeden Tag Divisoria, einen der ärmlichsten Orte in Manila. Dabei begegnet man vielen Straßenkindern und Bettlern. Einmal nach der Arbeit schrieb ich folgenden Text, den ich gerne mit euch teilen möchte.

In einem, meiner Meinung nach besten Songs aller Zeiten Love is War von Hillsong United heißt es an einer Stelle: “In the war against my pride“ …

Als ein junger Mann den Bus betritt, auf die Knie geht und einem Passagier nach dem anderen die Füße abputzt, wird mir klar, was es bedeutet, diesen Krieg mit aller Konsequenz zu führen. Den Kopf nach unten geneigt, kriecht dieser Mensch auf allen Vieren von einem dreckigen Fuß zum nächsten über den vom Smog verstaubten Boden des Fahrzeugs. Zwar erwartet er dafür eine milde Spende, doch von Stolz kann hier keiner sprechen. Den hat er abgelegt, wahrscheinlich weniger freiwillig aber konsequent. Beim Verlassen des Fahrzeuges sieht er mich an und weißt durch eine Geste daraufhin, dass er Hunger hat. Ich gebe ihm ein paar Münzen. Mir ist nicht bekannt, ob er sich von diesen Geld wirklich Essen gekauft hat, oder ob er es an der nächsten Ecke in Drogen investierte. Jedoch sehe ich Bettler seitdem mit anderen Augen. Wenn jemand bettelt, neigen wir gerne dazu zu sagen, er solle sich doch Arbeit suchen. Was aber, wenn es diese Arbeit aber nicht gibt? (Was zumindest hier in Manila der Fall ist.) Was, wenn ein Vater betteln geht, damit es seine Kinder nicht tun müssen, damit sich seine Frau nicht prostituieren muss. Oder stattdessen sich mit der Mafia einzulassen, sich in Drogen oder Suizid aus seiner schrecklichen Realität zu reißen? Was, wenn er seinen Stolz für Liebe aufgibt? Als der junge Mann den Bus verlässt und um das Geld bittet, kann ich für einen Moment in seine braunen Augen sehen, – sehe ich Jesus. Denselben Jesus, der seinen Jüngern die Füße gewaschen hat. Denselben Jesus, der aus Liebe alles gegeben hat. Denselben Jesus, der für mich am Kreuz starb.

Jesus lebt nicht nur in den Kirchen und in den Kathedralen. Er lebt in Divisoria und Parola, in den Slums überall auf der Welt. Jesus lebt überall, wo die Liebe ist und wo diese Liebe ist, ist kein Platz mehr für Stolz.

„Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt; denn Gott ist Liebe.“ (1.Johannes 4,8)

Lukas J. Mauz