Vier Gringas auf den Spuren der Inkas – Unsere Reise im Süden Perus

San Genaro, den 03.06.2018

Rucksack gepackt, Sonnenhut auf und Kamera um den Hals gewickelt? Meine lieben Freunde und Leser, habt ihr euch auch schon einmal so richtig touristisch gefühlt? Seit meinem Aufenthalt hier in Peru habe ich das Gefühl vom „Tourist sein“ irgendwie fast vergessen, meine Reisen bisher waren eher weniger touristisch und das ist wertvoll. Jedoch, um unter anderem eines der sieben Weltwunder zu sehen, war es notwendig, in den sauren Apfel zu beißen, denn wir vier Gringas (üblicher Ausdruck für Ausländer, wurde ursprünglich für die Bürger der Vereinigten Staaten verwendet, ist nicht als abwertend zu verstehen) machten uns auf den Weg ins touristische Zentrum Perus. So viel sei schon mal zu Beginn gesagt: Peru ist reich beschenkt von einer unglaublich wundervollen Natur!

Erste Station: Cusco, Zentrum des peruanischen Hochlandes

Von Meereshöhe flogen wir in einer Stunde nach Cusco, die Hauptstadt des damaligen Inkareichs (indigene urbane Kultur), welche auf circa 3400 Meter liegt. Ein beachtliche Höhe, an die wir uns alle erst einmal gewöhnen mussten. Höhen- und Kopfschmerztabletten gehörten zur täglichen Nahrungsaufnahme. Angekommen in unserer Unterkunft erlebte ich schon die erste Überraschung: Nach mehr als sieben Monaten durfte ich das erste Mal wieder eine richtig heiße Dusche genießen. Meine Haut schien sich aufzulösen, so weich wie sich das angefühlt hat. Freude machte sich in mir breit, ich fühlte mich wie neu geboren.

Den ersten Tag verbrachten wir in der Stadt selbst und schlenderten auf dem Markt herum, auf dem man die beliebten Perupullis usw., übrigens um einiges billiger, bekommt. Sonst haben wir uns einen gemütlichen Tag gemacht, weitere Touren geplant und uns mit Cocatee gestärkt, von dem man aber leider ziemlich oft auf die Toilette musste… Und nein, Cocatee ist keine Droge, bis zum Kokain fehlen einige chemische Verfahren 🙂

Diospi Suyana: Im Vertrauen auf Gott Visionen leben

Am Tag darauf stand für mich ein besonderer, auch persönlicher, Ausflug an. Circa 2,5 Stunden außerhalb Cuscos, in Curahuasi, besuchten wir das Krankenhaus „Diospi Suyana“ (aus dem Quechua: Vertrauen auf Gott), welches von dem deutschen Ärzteehepaar Klaus-Dieter und Martina John gemeinsam mit dem deutschen Trägerverein „Diospi Suyana“ aufgebaut wurde. Mit viel Arbeit, Vertrauen, Privat- und Firmenspenden wurde etwas Wunderbares möglich. Täglich ist das Krankenhaus überbesucht; durch wöchentliche Losungen wird festgelegt, wer einen Termin bekommt. Patienten, die schon länger warten, werden zusätzlich auf eine Liste geschrieben, sodass möglichst alle früher oder später die Möglichkeit haben, untersucht zu werden.

Generell wird versucht, dass die Patienten ihre Kosten selbst übernehmen, jedoch gibt es immer wieder Ausnahmefälle (die von einer Sozialarbeiterin geprüft werden), in denen das Krankenhaus die Kosten übernimmt oder aushilft. Es gibt deutsche, peruanische, chilenische, australische, und international vielfältige Angestellte in Diospi Suyana. Kranke reisen oft von weit weg an (auch teilweise aus dem umgebenden Ausland), um in Curahuasi versorgt zu werden. Um die Wartezeit zu versüßen laufen regelmäßig Filmchen über die Entstehung des Krankenhauses oder biblische Einheiten.

Diospi Suyana besteht aus mehreren Bereichen und ist mit Geräten ausgestattet, die dem deutschen Standard gerecht werden, sogar teils übertreffen. Krankenstation, Notfallaufnahme, OP-Säle, Logopädiezentrum, Zahnarztpraxis, bereitstehende Augenarztpraxis (Augenarzt noch gesucht), EEG (Elektroenzephalografie), Kreissaal, Labore, Bibliothek, eigenes Medienzentrum (es wird viel Öffentlichkeitsarbeit durch Radio, Fernsehen, usw. geleistet), eigene Kapelle (jeden Morgen gibt es eine Messe für Mitarbeiter und Patienten), eigenes Amphitheater für Veranstaltungen: das sind einige der Bereiche die durch jahrelange Arbeit aufgebaut wurden.

Für mich war dieser Tag hochmotivierend und besonders. Mein Wunsch, Medizin zu studieren und selbst mal als Ärztin tätig zu sein, wurde wieder mal bestätigt, auf eine Art und Weise, die mich begeistert und motiviert. Am Schluss konnten wir Martina John noch kurz sehen. Meiner Meinung nach ist sie eine starke Frau, die auch unter Hochstress ihr Lachen, ihre Überzeugung, ihre Motivation und ihren Glauben nicht verliert. Ihr Mann ist die meiste Zeit auf Reisen und hält Vorträge über ihr gemeinsames Projekt.

Machu Picchu: Auf den Spuren der Inkas

Ein Highlight war die alte Inkastätte Machu Picchu, die seit dem 15. Jahrhundert gut erhalten blieb und Anfang des 20. Jahrhunderts wieder entdeckt wurde. Die Inkas herrschten zwischen dem 13.und 16. Jahrhundert, auch über Peru hinaus, bis die Spanier dann das Land eroberten. Machu Picchu (aus dem Quechua: alter Gipfel) liegt auf 2400 Metern und bedarf mehr als einer Tagesreise, um ihn zu bewundern.

So machten wir uns auf den Weg mit dem Combi (Kleinbus) nach Hidroeléctrica. Dort angekommen nach sieben Stunden holpriger Fahrt ging es dann erst richtig los. Rund zehn Kilometer wanderten wir dann an den Zugschienen entlang. Dieser Weg war wunderbar, eine atemberaubende Natur. Ich hätte ewig so laufen können, entlang am Fluss. Am Abend erreichten wir Aguas Calientes, die letzte Station bevor es hoch auf den Berg ging. Nach einer kurzen Nacht standen wir pünktlich um vier Uhr morgens bereit und der Bus brachte uns hoch.

Machu Picchu selbst war sehr eindrücklich und auch mit dem Wetter hatten wir Glück: Erst sehr neblig, jedoch erzeugte dies eine mysteriöse Stimmung, die besonders war. Und dann kam die Sonne raus und wir konnten nun auch den Huayna Picchu betrachten. Nach einer Führung durch die damaligen Häuser, Klassenräume usw. verbrachten wir noch ein Weilchen und genossen den Ausblick.

Dann liefen wir wieder die ganze Wanderstrecke zurück, fuhren von Hidroeléctrica nach Cusco und fielen erschöpft, aber glücklich in unser Bett.

Zweite Station: Puno am Titicacasee

Nachdem wir am letzten Tag in Cusco noch die Salzterrassen bestaunten verbrachten wir eine Nacht im Bus in Richtung Puno. Am Titicacasee waren wir einen Tag und fuhren auf die Inselgruppe „Uros“. Dieser Ausflug hat mich ein wenig enttäuscht muss ich sagen. Der See ist wunderschön, kein Frage. Die Tour zu den Einheimischen der Inseln (noch heute leben dort Menschen und fahren wöchentlich nach Puno rein, um Lebensmittel zu kaufen) war für mich jedoch ein bisschen abschreckend. Statt einfach zu zeigen, wie sie wirklich leben hat es für mich eher wie ein Zirkus zur Bespaßung der Touristen gewirkt, wir wurden fast gedrängt auf ein kleines Boot für ein bisschen Kleingeld zu steigen, um auf dem See zehn Minuten zu fahren.

Für mich war das eine Welt, in der ich mich nicht wohlgefühlt habe und ich bedauere es, dass richtige Touristen nur diesen Einblick in Peru bekommen. Das ist sehr schade. Aber auch über diese Erfahrung bin ich dankbar, da ich so die Unterschiede zwischen den Touristenorten und San Genaro in Chorrillos noch klarer fassen kann.

Jedoch waren wir nur kurz in Puno und haben nur die erste Inselgruppe besucht, David meinte zum Beispiel, dass es ihm sehr gut gefallen hat. Vielleicht hätte ich dort nochmal einen anderen Eindruck bekommen. Deshalb: jeder macht andere Erfahrungen, meine war dieses Mal zwiegespalten, gelohnt hat es sich allemal.

Dritte Station: Arequipa, Besuch bei Patricia

Nach einer weiteren Nacht im Bus, kamen wir in Arequipa an, wo Patricia auf uns wartete. Sie ist eine weitere Freiwillige unserer Organisation und ich freute mich sehr, sie wieder zu sehen und endlich ihr Projekt kennenzulernen. Auch mit Pater Conrado konnte ich Bekanntschaft schließen und besuchte am Abend seinen Gottesdienst. Patricia hat uns die Stadt gezeigt, ich muss sagen Arequipa ist eine der schönsten, die ich bis jetzt gesehen habe.

Colca-Canyon: Touristenschock und wundervolle Natur

Eines der vielen Naturwunder Perus, die man gesehen haben sollte, ist definitiv der Colca-Canyon. Mit bis zu 3.200 Metern Tiefe ist er einer der größten Canyons weltweit. Wir waren zwei Tage unterwegs und es war wirklich schön. Ich saß im Bus und konnte nicht aufhören aus dem Fenster zu schauen und zu staunen. Weite Landschaften, Vulkane und schneebedeckte Berge, Tiere, die man selten sieht,… Am Abend genossen wir die wilde Landschaft von den Thermalbädern aus, die sich im Freien direkt am Fluss befanden. Ein Traum. Am zweiten Tag kamen wir dann am Cruz del Condor an, diejenige Stelle, an der man mit ein bisschen Glück und Geduld die Andenkondore zu Gesicht bekommt. Sie zählen zu einen der schwersten Greifvögel und können eine Spannweite von bis zu über 300 Zentimeter erreichen. Diese Vögel waren beeindruckend und gewaltig.

Der Colca-Canyon hat mir sehr gefallen; einzige Krux an der Sache: Wir waren mit einem Bus voller Touristen unterwegs. Das ist normal, für mich war das aber echt ein kleiner Kulturschock. Bei dem Verhalten der Touristen blieb mir manchmal der Mund offen stehen, eine Frau, die ein Babyalpaka fast gewalttätig festhält, nur um ein perfektes Foto zu schießen war dabei nur eine von vielen Situationen in denen ich mich fremd geschämt habe. Auch, dass der Bus alle zehn Minuten an Verkaufsständen auf dem Weg anhielt (dabei gibt es wirklich bei jedem Stand dasselbe zu erwerben) und alle aus dem Bus rausstürmten als wäre nur heute SALE; das war einfach zu viel.

Ich kam mir noch nie so fremd unter Touristen vor, wie an diesen zwei Tagen. Leichtes Heimweh nach San Genaro machte sich breit :).

Kindergarten und Kloster

Am letzten Tag besuchten wir noch den Kindergarten, in dem Patricia ein Jahr lang als Missionarin auf Zeit arbeitet. In einem Viertel prekärer Verhältnisse befindet sich dieser, direkt neben einer Kapelle der Combonis. Sofort haben wir Mädels uns in die Kinder verliebt. Der Kindergarten gefiel mir gut, er war sehr geräumig, bot gute Spielmöglichkeiten und Gruppenräume. Mein Herz ging auf, als ich sah, dass die Kinder (teils erst drei Jahre alt) schon Paartanz lernen. Es war zu süß… vor allem als dann auf einmal zwei Jungs um die Gunst eines Mädels buhlten. Ach Kind sein ist schon etwas Schönes…

Außerdem besuchten wir noch das Kloster Santa Catalina in Arequipa, in dem noch heute circa 20 Nonnen leben. Es war groß und wirklich schön, eine kleine Stadt in der Stadt.

Schon wieder Abschied…

Die Zeit mit meinen Liebsten verflog viel zu schnell, wie erwartet. Wir verbrachten eine wunderbare Zeit, für mich ist es sehr wertvoll, dass sie gesehen haben, wo ich lebe und arbeite. Die Reise war auch wunderschön, wenn auch anstrengend und für mich mit einem kleinen Tourismusschock verbunden. Jedoch waren ja auch einige Punkte auf dem Programm, die alles andere als touristisch waren, deshalb: Ein super gutes Gefühl bleibt.

Oft kann man dem Tourismus nicht entgehen, aber immer kann man sich selbst treu bleiben und seine Prioritäten setzen.

In diesem Sinne, habt eine schöne Woche meine lieben, grüßt mir die Heimat und bis ganz bald 🙂

Muchos saludos!

Eure Marlene Helena

Print Friendly, PDF & Email
By | 2018-06-12T19:05:12+00:00 12. Juni 2018|

Leave A Comment