Zurück in der neuen Heimat – Jahresbeginn in Lima

Trujillo, den 17.01.18

Heimat. Ja, Lima ist Heimat für mich. Gerade mal fünf Monate wohne ich hier, und es fühlt sich wie eine Ewigkeit an. Manchmal bin ich ein bisschen traurig, wenn ich daran denke, dass ich „schon“ in sieben Monaten wieder nach Deutschland zurückkehren werde. Auch wenn ich wirklich viele Dinge vermisse, fühle ich mich schon lange angekommen in der Hauptstadt Perus und durch meine Offenheit und viel Eigeninitiative habe ich mir schon ein beachtliches Netzwerk an Kontakten aufgebaut, sei es an meiner Hauptarbeitsstelle, bei den Ministranten oder bei sonstigen Freizeitaktivitäten. Ich lebe mit vollem Herzblut hier und werde mein „zweites Leben“ am anderen Ende der Welt wohl immer vermissen, in meinem Herzen bewahren und immer wieder aufs Neue entflammen, wenn ich Besuche abstatten werde.

Mit Elan neue Ideen angehen

Nach meiner Reise in den Norden habe ich mich super gefühlt, wieder im Alltag angekommen zu sein, habe ich doch meine Kiddies super doll vermisst. Mit voller Motivation zum Jahresbeginn habe ich nun vor, mein Geigenprojekt umzusetzen, da es endlich einige Räume mit Türen gibt und somit Platz, um Geigenunterricht zu geben. Deshalb habe ich ein kleines Plakat gebastelt und eine Liste ausgehängt, in die sich Interessierte eintragen können. Mal schauen, wie es sich dann umsetzen lässt,  auch zeitlich. Vor allem wird es aber schwierig, da bis jetzt nur eine Violine vorhanden ist, nämlich die, die ich von zu Hause mitgebracht habe. Aber davon lasse ich mich nicht unterkriegen und gehe dieses Vorhaben mit Mut und Zuversicht in den nächsten Wochen an.

Sternsingen bei Sonnenschein

Auch bei den Ministranten war die Wiedersehensfreude beiderseits groß, mein Herz ging auf, als ich endlich wieder Gemeinschaft mit meinen Freunden verbringen konnte. Da habe ich dann auch noch mein Wichtelgeschenk nachgereicht bekommen. Am 06. Januar machten wir uns auf den Weg und zogen als “los reyes magos“ (Hl. Drei Könige) los, um die Häuser zu segnen. Dabei sind mir wieder einige Unterschiede zu Deutschland aufgefallen. Zum ersten, klar, anstatt in der Kälte zu erfrieren, liefen wir im T-Shirt und in kurzer Hose umher, die Könige schwitzten unter ihren Gewändern. Außerdem gab es keinen bestimmten Plan, welche Ministranten für welche Häuser verantwortlich sind, insgesamt besuchten wir vielleicht acht Häuser, also sehr wenige, wenn ich im Kopf habe, wie ich damals von Haus zu Haus gezogen bin, stundenlang. Hier läuft das alles eher gemütlich ab, so wie immer hehe 🙂 Das heißt man kehrt erst in das Haus ein, bleibt nicht davor stehen, sagt dann den Text auf (ich habe auch einen Part übernommen), singt ein Liedchen und klebt dann den Segen an die Tür. Fast in jedem Haus gab es dann auch etwas zum Trinken und Naschen als Stärkung, jedoch habe ich mich noch nicht ausgelastet gefühlt, es kam mir eher wie ein ständiges Rasten vor. Was auch auffiel war, dass viele Leute gar nicht wollten, dass die Sternsinger kommen, was mich sehr überraschte, diese aktive Antihaltung. Somit waren wir auch hauptsächlich in Häusern der Gemeindemitglieder. Es war auf jeden Fall toll, dabei gewesen zu sein, somit mitzuerleben, wie es in einem anderen Land abläuft.

Förderung in den Ferien, Vacaciónes Útiles

Momentan sind in Peru Schulferien, währenddessen gibt es von den Gemeinden aus die sogenannten vacaciónes útiles (“nützliche Ferien“). Dort können Kinder für ca. fünf Euro mehrere Wochen gefördert werden, ihren Lerninhalt nochmal wiederholen und vertiefen. Einmal hielt ich schon eine Englischstunde, in der ich die Zahlen von 1-10 lehrte. Was mich störte war, dass der Unterricht eigentlich um acht Uhr beginnt, bis aber alle Kinder gekommen waren und es mal wirklich losging mit Lernen, war es dann auch schon halb zehn. Und die halbstündige Pause wird gerne auf eine Stunde verlängert. Das finde ich dann sehr schade, da viel Zeit verloren geht, die wichtig wäre für die Kinder. Jedoch ist es wertvoll zu sehen, wie es in anderen Kulturen abläuft, Deutschland ist da manchmal ein extremes Gegenbeispiel mit unserer heutigen Leistungsgesellschaft. Da werden ausländische Einwohner dann oft schnell als “faul“ abgestempelt, ohne zu hinterfragen aus welchem Kulturkontext diese Person stammt, ohne zu wissen, dass dort oft ein anderes Verhältnis zur Zeit besteht. Leider werde ich nicht so viel mitbekommen von diesem Ferienprojekt, da ich drei Wochen in Trujillo arbeiten werde, dazu aber im nächsten Eintrag mehr.

Immer Leben…

Sonst habe ich wieder einiges erlebt die letzten zwei Wochen. Im Casa habe ich einen Abend die Chorprobe komplett alleine geleitet, da Oscar im Haus beschäftigt war. Das war so toll! Unvorbereitet mal kurz die komplette Verantwortung und Leitung übernehmen. Da waren dann viele Kompetenzen gefragt: die sprachliche, musikalische, autoritäre,… Genau mein Ding. Das war mal sehr schön, richtig herausgefordert zu sein, etwas selbst in die Hand zu nehmen. Es hat dann auch alles gut geklappt und ich denke, ich konnte den Kindern meine Tips verständlich nahebringen. Einen Sonntag begleitete ich Oscar nach Barranco in seine Gemeinde zum Gottesdienst, da sang ich kurzfristig im Chor mit. Im Haus der Talente habe ich ein E-Piano gefunden und konnte es letzte Woche endlich mal auspacken und anstecken, sodass ich die letzten Tage stundenlang Klavier spielte, habe ich das Musizieren doch schon sehr vermisst. Letzte Woche war ich wieder Schwimmen, jedoch ist es ziemlich kompliziert ins Freibad reinzukommen, da es normal viel kostet und es bisher immer ein Freund von mir gemanagt hat. Einfach nur nervig… Ich vermisse mein regelmäßiges Training im Aquafit Oberkochen sehr! Chiss und Samu haben sich einen Kleinbus gekauft und waren eifrig damit beschäftigt ihn auf Vordermann zu bringen. Während sie in Peru reisen, wird ein Mechaniker die letzten Sachen erledigen und dann können sie mit ihrem neuen Baby starten 🙂 Bevor es für sie losging, waren wir nochmal zusammen surfen, jedoch gab es leider fast keine Wellen. So trieben wir überwiegend auf dem Meer und warteten.

Eine politisch gespaltene Situation

Vielleicht hat ja der eine oder andere von euch mitbekommen, dass es in letzter Zeit Proteste in Lima gab, wegen des Präsidenten. Das wollte ich dann genauer wissen, und habe es ausgenutzt, nicht auf Google angewiesen zu sein. Als ich Juan eine kurze Zeit sah, löcherte ich ihn ein bisschen mit politischen Fragen, es musste schnell gehen, deshalb hier ein grober Überblick der politischen Situation Perus:

Alberto Fujimori, der ehemalige Präsident Perus zur Terrorismuszeiten, saß im Gefängnis, da er Menschen umbringen lassen hat und ein Diktator war zu dieser Zeit. Seine Tochter und sein Sohn sitzen beide in der Opposition der Regierung, wobei die beiden einige Meinungsverschiedenheiten haben, was die Politik betrifft. Während seine Tochter, Keika Sofía Fujimori, die Gründerin der neuen Partei der Opposition ist, sie den sogenannten „Fujimorismus“ eingeführt hat, distanziert sich deren Bruder, Kenji Fujimori, eher von ihr und ist damit beschäftigt, alles daran zu setzen, dass sein Vater freigesprochen wird, was er letztendlich vor Kurzem erreichte. Wie kam es dazu? Die Situation ist ziemlich verwirrend und meiner Meinung nach widersprechen sich einige Handlungen. Jedenfalls wurde ein Misstrauensvotum gegenüber dem aktuellen Präsidenten, Pedro Pablo Kuczynski ausgesprochen. Die Opposition drängt darauf, dass der Präsident seinen Posten abgibt, und stellt sich in vielen Entscheidungen quer. Juan meinte, dass die Opposition dauerhaft für Unruhe sorge, und es eigentlich ausweglos erscheine, irgendwie Kompromisse zu finden, egal welche Entscheidungen Kuczynski träfe. Nun setzte sich der Sohn Fujimoris dafür ein, dass zehn Mitglieder der Opposition für den Präsidenten stimmten, somit das Misstrauensvotum für den Präsidenten ausging. Auch innerhalb der Opposition herrschen Meinungsverschiedenheiten. Letztendlich wurde Fujimori daraufhin vom jetzigen Präsidenten freigesprochen. Deshalb  gab es auch die vielen Proteste gegen Pedro Kuczynski, da viele nun in Angst leben und empört sind, dass Fujimori nun wieder ein freier Mann ist. Man sieht, die Situation ist ziemlich verstrickt und sehr problematisch, da nun ein Großteil der Bevölkerung dem Präsidenten nicht mehr vertraut.

Da bin ich doch wieder sehr froh, in Deutschland zu leben, auch wenn ich immer noch schockiert bin, dass es seit so langer Zeit wieder eine extremistische Partei in den Bundestag geschafft hat.

Mein Jahresbeginn war also ziemlich voller Leben gefüllt, und hat mir bestätigt, dass ich mit Leib und Seele in Lima angekommen bin, meinem Zuhause.

Das heißt natürlich nicht, dass ich mein anderes Zuhause vergesse habe 🙂

In Gedanken grüßt euch herzlich

Eure Marlene Helena

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By | 2018-01-19T15:47:52+00:00 20. Januar 2018|

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