„Wir sollten uns nie unserer Hoffnung berauben lassen“ – Papa Francisco, 20.01.2018

Trujillo, den 26.01.2018

Hallo meine Lieben! Momentan befinde ich mich ca. zehn Stunden Busfahrt südlich von Lima. Hier, in Trujillo, verbringe ich drei Wochen bei Schwester Irma (Comboni-Laienmissionarin) und  gebe Englischunterricht als Teil der sogenannten „Vacaciónes Útiles“, in denen die Kinder auch in den Ferien etwas lernen können. Zu meiner Arbeit, meinen Herausforderungen und den Erfahrungen, die ich hier sammele gibt es dann im nächsten Blogeintrag mehr 🙂

Ein ganz besonderer Besuch

Am letzten Samstag bzw. auch Freitag, den 19./20.01.2018, fand ein ganz besonderes Ereignis statt, das ich wohl nie vergessen werde. Viele Vorbereitungen wurden schon lange davor getroffen und nun war es soweit: Papst Franziskus kam nach Trujillo. Nach den starken Überschwemmungen aufgrund des Naturphänomens „El Niño“ waren Peru und Chile schwer betroffen und viel Zerstörung blieb zurück. Viele verloren ihr Zuhause und in einigen Städten kann man jetzt noch deutliche Spuren des letzten Jahres sehen. Das war der Hauptgrund, weshalb es dem derzeitigen Papst ein Herzensanliegen war, diese zwei Länder zu besuchen. Ein schönes Zeichen seinerseits.

Sich früh auf den Weg machen

Wir schreiben Freitag, den 19.01.2018 um 14:00 Uhr. Bleiben noch 20 Stunden, bis der Papst seine Messe hält. Da machen wir uns doch tatsächlich schon auf den Weg nach Huanchaco an den Strand, ein Stadtteil Trujillos, in dem schon am Tag davor die Hostien in der Iglesia de Huanchaco gesegnet wurden. Schwester Irma, einige weitere Frauen aus der Kirchengemeinde und ich. Mir erschien es völlig verrückt, uns so früh auf den Weg zu machen, aber wenn schon Abenteuer, dann wohl richtig. Letztendlich konnte sich auch keiner wirklich vorstellen, welches Ausmaß dieses Event annehmen wird, deshalb lieber rechtzeitig los. Obwohl es so viele Stunden zuvor gewesen ist, waren die Straßen schon ziemlich voll, aber das ist ja kein Problem; man kann ja auch einfach die Gegenspur benutzen, um nicht an Tempo zu verlieren. Schließlich waren wir dann um drei Uhr mittags am Strand von Huanchaco angekommen, einige transportierten schon ihre sogenannten Virgens (heiligen Jungfrauen), welche stets pompös verziert waren, und ich stand da und dachte mir: Was bitte soll ich hier die nächsten 19 Stunden machen?

Eine anstrengende Wartezeit steht bevor

Gleich machten wir uns auf die Suche nach dem bestmöglichen Platz, und waren dann schließlich mit unserer Wahl zufrieden. Dann hieß es: warten. Es war recht angenehm, da sich jeder respektiert hat, und es kein Gedränge gab. Alles schien friedlich und angenehm abzulaufen… Aber man sollte sich ja nicht zu früh freuen. Nachdem wir die ersten Stunde verbracht hatten, natürlich war ich nicht ganz unvorbereitet und hatte mein Buch dabei, und die Nacht einbrach, fing es leider an zu regnen. Na toll… Alles zusammenpacken, schnell einen Regenschirm schnorren, aufstehen und warten. Was dann passierte, zeichnete die Einmaligkeit dieses Events aus. Laute Musik lief, Gott wurde gepriesen, Regen sei ein Zeichen von Segen, und die Menschenmasse tanzte. Wider Erwarten hat es dann eine Stunde später auch wieder aufgehört zu regnen. Immer wieder dachte ich mir: Wie verrückt ist das hier bitte … Jedenfalls schien einer, mehr oder weniger, angenehmen Nacht nichts mehr im Wege zu stehen, auch wenn der Boden viel zu hart, und die Musik viel zu laut war. Erwarten die wirklich von mir, dass ich die ganze Nacht singe, tanze und springe, um morgen überhaupt nichts mehr von der Predigt mitnehmen zu können? Spirit hin oder her, der menschliche Körper hat seine Grenzen…

Den Sinn aus den Augen verloren

Um vier Uhr nachts wurde ich von streitenden Menschen geweckt. Da kam doch tatsächlich mehr als zwölf Stunden später eine riesen Menschenmasse und dachte wirklich, sie könne Anspruch auf unsere Plätze erheben, wo doch alles so ruhig und zivilisiert ablief. Links und rechts von der Bühne war unglaublich viel Platz frei, für mich ist es selbstverständlich, dass dieser Bereich dann von denjenigen gefüllt werden sollte, die später kommen. An dieser Stelle haben die Sicherheitsleute der Marine und der Polizei meiner Meinung nach keine gute Arbeit geleistet, indem sie die große Menge an hinzukommenden Menschen einfach in den Bereich gelassen hat, wo doch alles eigentlich gut abgesperrt war. Anstatt diese Menschenmasse auf freie Bereiche, etwas weiter weg (das muss den Leuten doch aber klar sein?), zu verweisen, entwickelte sich an unserem Platz alles zum kompletten Chaos: Menschen, die drängeln, die sich streiten, die respektlos miteinander umgehen. Die Atmosphäre schlug um und ich habe es bedauert. Man war eigentlich hilflos, denn selbst auf die Toilette konnte man nicht mehr, da es zu eng war. Aus den Gittern in der Nähe haben sie dann plötzlich auch niemanden mehr rausgelassen. Und wenn man sich durchquetschen wollte, wurde man von allen Seiten beschimpft. Außerdem waren die Sicherheitsleute nicht die geringste Hilfe.

Auf´s Bauchgefühl hören

Als ich es dann tatsächlich auf die Toilette raus schaffte, bin ich nicht wieder zurückgekehrt: Für mich verlor es an Sinn. Ich bin wegen des Papstes hier, wegen meines Glaubens, um Papst Franziskus Gehör zu schenken, um denjenigen ein bisschen besser kennenzulernen, der die katholische Kirche weltweit vertritt. Und nicht, um mit Menschen zu diskutieren (klappt sogar schon mit meinem Spanisch, wenn auch noch sehr ausbaufähig), die einem ohne Respekt und Ruhe gegenübertreten. So distanzierte ich mich, lief zum Meer und verweilte dort die letzten Stunden allein. Ob nun ein bisschen weiter weg von der Bühne, und obgleich ich für diesen Platz auch zwölf Stunden später hätte kommen können, war es mir dann echt gleichgültig. Ich wollte den Papst vor allem hören.

Wichtiger Appell: Wir alle sind Lichter!

Überpünktlich kam der Papst dann direkt über uns eingeflogen, im Anhang zwei Düsenjets. Sehr beeindruckend! Nachdem er dann einfuhr, ging die Messe auch schon los. Hauptaussagen seinerseits waren: Wir alle seien Lichter in dieser Welt. Wir sollten den Glauben weitertragen. Allein könnten wir zwar nicht viel sehen, das Licht sei zu schwach, aber wenn wir alle zusammen leuchteten, könnten wir den Weg erkennen. Wir sollten das Licht bzw. die Glut immer bewahren, dass sie nie erlösche, denn auch in schweren Zeiten bestehe die Hoffnung, sie immer wieder erneut zu entfachen. Besonders im Leid sei uns Jesus nahe, da er für uns am Kreuz gelitten habe. Vor allem aber sollten wir uns nie unserer Hoffnung berauben lassen. Eine wunderbare Nachricht, besonders nach der schweren Zeit im letzten Jahr. Vor allem zeigte Papst Franziskus so, dass er einen Bezug zu diesen Ländern hat und ihm die Menschen am Herzen liegen. Mir gefiel seine Art zu sprechen sehr, er hat die Menschen mit einbezogen, sodass sich jeder angesprochen fühlen konnte. Man merkte, dass er offen ist, einen Blick hat für ganz unterschiedliche Länder, arm oder reich. Insbesondere aber brachte er, in meinen Augen, eine ganz wichtige Botschaft rüber- eine Botschaft, die einen Grundbaustein des christlichen Glaubens darstellt: Jeder gehört dazu, jeder kann Gott nahe sein, egal wo er steht, was zählt ist der Glaube. Auch wenn wir am Boden sind, gibt es Hoffnung. Gott macht keine Unterschiede bei den Menschen. Am Schluss hat es sogar geklappt, dass ich eine Hostie bekommen konnte 🙂

Freude und Erschöpfung

Für mich war es ein schönes Erlebnis, nicht nur, weil der Glaube eine wichtige Rolle in meinem Leben spielt. So viele Menschen auf einem Fleck versammelt, so lange zu warten, das alles war sehr eindrücklich. Jedoch war ich danach ziemlich kaputt, und auch die folgenden Tage habe ich die Auswirkungen dieser Anstrengung gespürt, das war für den Körper einfach ein bisschen zu viel. Dieser Tag wird wohl lange in Erinnerung bleiben. Vor allem aber erinnert er daran, dass wir doch alle einfach auf ein und derselben Welt leben, auf der wir es anstreben sollten, friedlich und respektvoll miteinander umzugehen und das ein oder andere Mal den Blickwinkel etwas zu schärfen oder zu erweitern, wenn man beispielsweise darüber klagt, dass man ein ganzes Haus zu putzen hat oder die Wäsche noch aufgehängt werden muss.

In diesem Sinne, wünsche ich euch eine schöne Woche, bei mir ist es mittlerweile sehr warm, ich sende euch viele sonnige Grüße aus Trujillo.

Bis bald!

Herzlichst

Eure Marlene Helena

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By | 2018-01-29T09:49:46+00:00 29. Januar 2018|

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