Ob mit oder ohne Schnee – Weihnachten ist überall!

San Genaro, den 17.12.2017

Hallo meine Lieben, hier drüben, bei Sonnenschein und Surfstunden, kann ich es gar nicht so recht glauben, dass nächstes Wochenende schon Weihnachten vor der Tür steht. In Deutschland wäre ich gerade wohl noch im Jahresendspurt, d.h. die letzten Arbeiten in der Schule stünden an und die Geschenkevorbereitungen würden so langsam abgeschlossen. Nebenher noch ein paar Mal auf den Weihnachtsmarkt schlendern und sich dann zu Hause auf ein heißes Bad freuen. Die letzten Wochen bin ich hier noch nicht in Weihnachtsstimmung gekommen, es ist warm und an all den Plastikschmuck muss ich mich erst mal gewöhnen, wo ich doch die echten Tannenbäume aus Deutschland gewohnt bin. Wenn ich dann im Bus sitze und wieder mal denke, dass es doch so langsam Zeit wäre, sich auf Weihnachten einzustellen, merke ich, wie sehr man doch an der Tradition hängt, aber ist ja auch klar, wenn man ein Fest jedes Jahr aufs Neue unter den gleichen Umständen feiert. Deshalb genieße ich es bewusst, das Heilige Fest mal komplett anders zu erleben, so richtig anders. Außerdem kann ich mich so vielleicht noch mehr auf die wahre Botschaft des Festes konzentrieren, und diese liegt nicht im Geschenkekonsum oder im Glühwein des traditionellen Weihnachtsmarktes. Diese liegt in der Geburt Jesu Christi, im Zusammenleben, in der Nächstenliebe und in der Dankbarkeit für dieses wunderbare Leben.

Weihnachtskuchen und Tierverehrung

Weihnachten wird hier eigentlich ziemlich ähnlich wie bei uns zelebriert. An Heilig Abend gibt es eine Messe und danach verbringt man einen gemütlichen Abend im familiären Kreis mit gutem Essen und Bescherung. Typische Mahlzeit ist hier die panetón, eine Art Weihnachtskuchen. Da dieser nicht so teuer ist, können auch die ärmeren Familien in den Genuss kommen. Sonst wird auch gerne pavo al horno (Truthahn im Ofen) oder lechón (Spanferkel) gegessen. Um Mitternacht gibt es dann, im Unterschied zu Deutschland, ein Feuerwerk, welches offiziell jedoch verboten ist. Die Adventszeit wird hier eher nicht so bewusst gefeiert, wie ich das von Deutschland kenne, jedoch merkt man an den Kindern und Jugendlichen, die schon Wochen vor dem Fest ihre Böller und ihr Feuerwerk loslassen, dass sich Weihnachten langsam nähert. Darüber hinaus bleibt noch zu erwähnen, dass die Art und Weise der Feier auch von der Region Perus abhängig ist. So werden zum Beispiel in Ayacucho viele verschiedene Krippen ausgestellt von bekannten Handwerkern, in Cusco gibt es den bekannten Santurantikuy-Markt oder in Orten der Selva, zum Beispiel, die Gemeinschaft der ashaninka, werden die Tiere besonders geehrt in dieser Zeit.

Dieses Jahr werde ich Weihnachten das erste Mal ohne meine Familie an einem anderen Ort der Welt verbringen, und das ist nicht Lima. Heute Abend mache ich mich mit David auf die Reise hoch in den Norden nach Chachapoyas (liegt im Bereich zwischen Bergen und Regenwald), wo wir Franz und Janina besuchen werden, und bei ihnen in der Gemeinschaft feiern werden. Darauf freue ich mich sehr, ich bin auch gespannt, wie die Menschen dort so leben und hoffe, dass es ein schönes und besinnliches Fest wird.

Was es sonst so Neues gibt

Seit Donnerstag sind wir ein Freiwilliger weniger, da sich Jonathan nach drei Monaten Aufenthalt wieder auf den Weg in die Heimat Österreich gemacht hat. An seinem letzten Nachmittag im Casa haben wir alle ein Konzert gegeben, sprich unsere Musik aufgedreht, Luftgitarre gespielt und viel geschwitzt, herrlich. Es war eine tolle Zeit und ich wünsche ihm für seinen weiteren Lebensweg alles Gute 🙂 Und hey Jona, wir sehen uns dann hoffentlich spätestens auf dem Oktoberfest nächstes Jahr!

Die kleine Naisha aus dem Casa sollte theoretisch in den Regenwald zurückkehren, da es ihren Großeltern nicht gut geht, sie selbst ist 2012 nach Lima gekommen. Nun erfuhr ich, dass sie für ein Jahr zurückgehen sollte, kann aber auch für immer sein. Heute wohnt sie aber jetzt doch bei ihrer Tante in Lima und kann da bleiben, zu meiner Freude. Jedoch, als wir beide dachten, dass wir uns nicht mehr sehen würden, waren wir schon traurig und haben die gemeinsame Zeit genutzt. Zusammen mit ihr war ich dann nochmal am Strand in Barranco, nachdem sie mich am selben Morgen wachtelefoniert hat 🙂 Das war sehr schön, zu erfahren, welche Bindung ich zu den Kindern aufgebaut habe bzw. ständig aufbaue. Gleichzeitig bin ich auch für viele Kinder zur engen Bezugsperson geworden, und das ist wunderbar.

Mit den Ministranten bin ich nach wie vor viel unterwegs, jede Woche sehen wir uns mehrmals, weil immer irgendetwas ansteht. Letzte Woche waren viele Erstkommunionen, so durfte ich morgens bei einer ministrieren und die Kinder im Anschluss dazu einladen, Ministrant zu werden, und am Nachmittag in einem anderen Gottesdienst im Chor mitsingen. Dieses Wochenende verbrachte ich fast ausschließlich in der Kirche, da am nächsten Tag eine Hochzeit stattfand und am Tag darauf ein großes Gemeindefest zum Jahresende. Es war sehr anstrengend, aber unglaublich bereichernd und voller Spaß. Außerdem haben wir für Juan noch eine kleine Nachfeier organisiert, was ihn sehr gefreut hat.

Den Wolken nahe

Am 03./04.12.17 haben wir einen Ausflug auf den Berg Marcahuasi gemacht. Nach einem anstrengenden Fußmarsch von 3000m auf 4000m Höhe (mir hat der Höhenunterschied und die Steile zu schaffen gemacht, hehe) kamen wir dann auf dem wunderschönen Berg an und waren fast alleine. Das war vielleicht ein befreiendes Gefühl! Ich war über den Wolken. Die Nacht war wohl eine der schlimmsten in meinem Leben, denn ich bin fast erfroren, ich habe kein Auge zu gemacht und die Minuten gezählt, bis die Sonne aufging. Das tat vielleicht gut, als ich am Morgen ausgebreitet auf einem Felsen lag und die Sonne meinen Körper wieder mit Energie und Wärme versorgte. Aber das war es wert, eine unglaubliche Sicht und vor allem eine wunderbare Stille umgaben mich in diesen zwei Tagen.

Freundschaften und neue Erfahrungen

In den letzten Wochen haben sich einige Freundschaften nochmal intensiviert und ich bin so erfüllt, dass ich so tolle Menschen kennenlernen darf, Menschen, die ich meine richtigen Freunde nennen kann. So bekam ich aber auch mal wieder einen unschönen Einblick in die Realität Limas. Ein Bekannter eines sehr engen Freundes wurde einfach erstochen. Die Täter wollten ihn ausrauben, er hat wahrscheinlich etwas Widerstand geleistet und dann… Weg war er. Grausam. Ich habe meinen Kumpel dann auf seinen Wunsch zum Velorio (Totenwache) begleitet. Die Menschen hier müssen oft einiges mitmachen.  Deshalb ist es für mich umso wichtiger, hautnah mitzuleben, Freundschaften zu intensivieren und gemeinsame Erlebnisse zu sammeln.

Gesundheitlich ging es mir die letzte Woche nicht ganz so gut, da ich irgendetwas Falsches gegessen habe. Nachdem mir bei der Chorprobe nicht so gut war, dachte ich, dass ich einfach schnell nach Hause gehe und mich hinlege. Naja, das mit dem einfach und schnell war wohl nix, da ich mich leider an der zweiten Straßenecke übergebe musste. Da sitz ich dann an der Straße San Genaros und bin mittendrin…

Ein bisschen in Weihnachtsstimmung bin ich gestern bei der Weihnachtsfeier gekommen, an der sowohl Kinder aus dem Haus der Talente als auch die Kinder von der Hausaufgabenbetreuung teilgenommen haben. Das war sehr schön und ich hatte die Gelegenheit, allen ein schönes Fest zu wünschen.

Weihnachten steht vor der Tür

So ganz realisiere ich noch gar nicht, dass ich mich heute schon auf die Reise in den Norden mache und auch Andrea nicht mehr da sein wird, wenn ich wieder komme. Vorher haben wir, wie schon lange geplant, nochmal zusammen einen Ausflug auf den Hügel San Genaros gemacht (alleine als Frau ist das nämlich nicht empfehlenswert, wie ihr auch in meinem vierten Bericht Durchatmen lesen könnt) und wir wurden um einen wunderschönen Ausblick und Stille bereichert. Das Beste war, dass ich die andere Seite San Genaros sehen konnte, somit auch das „andere“ Meer.

Meine lieben Freunde, wir hören uns also im neuen Jahr wieder, bis dahin wünsche ich euch von Herzen eine gesegnete Weihnachtszeit, ein besinnliches Fest mit der Familie und einen guten Rutsch ins Jahr 2018, den ihr ja dieses Mal sechs Stunden früher feiern dürft. Auch wenn ich dieses Jahr bei weitem nicht so gut in Weihnachtsstimmung bin wie in Deutschland, ist es eine wertvolle Erfahrung, da man aufgefordert ist, sich ganz besonders auf das Wesentliche in dieser Zeit zu konzentrieren und ich bin zuversichtlich, dass sich mein Herz, nach der ganzen Reise und beim besinnlichen Zusammenkommen nächste Woche, dann ganz öffnen kann für das Fest der Liebe.

Besonders in dieser Zeit bin ich in Gedanken ganz nah bei meiner Familie und meinen Freunden, die mich durch diese Zeit tragen durch ihre bedingungslose Liebe und Unterstützung. Danke!

Herzlichst

Eure Marlene Helena

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By | 2017-12-18T11:51:01+00:00 18. Dezember 2017|

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