„Earning for the future“ – Meine Arbeitsstelle

Ihr Lieben,

heute möchte ich euch einen kleinen Einblick in meine Arbeit als Lehrerin im Father Egidio Vocational Training Center Alenga geben, von dem ihr ja schon einiges im letzten Artikel „Kraft tanken vor wichtigen Prüfungen“ gehört habt.

Die Nähschule ist ein privates Internat, das von Sister Anne geleitet wird, die hier im Konvent lebt und aus Kenia stammt. Neben Sister Anne und mir gibt es noch drei weitere Lehrer, die in Theorie und Praxis Nähen und Stricken lehren. Die Schulgebühren betragen pro Term (ca. drei Monate) 150.000 UGX, das sind umgerechnet ca. 38 Euro und im Vergleich zu anderen Schulen sind diese Gebühren eher gering. Trotzdem haben viele Familien Schwierigkeiten das Geld aufzubringen.

Die Mädchen sind normalerweise zwischen 15 und 18 Jahre alt und haben Schulabschlüsse, familiäre Hintergründe und Erfahrungen ganz unterschiedlicher Art. So kommt es, dass das Leistungsniveau von einem großen Gefälle bestimmt wird (einige haben lediglich sechs oder sieben Jahre an der Primary School teilgenommen, während andere für einige Jahre die Secondary School besuchen konnten). Nach der zweijährigen Ausbildung hier planen viele noch weiter zur Schule oder sogar Universität zu gehen, um beispielsweise eine Berufsschullehrerin zu werden. Ich hoffe sehr, dass ihnen das gelingt, um Türen heraus aus der Armut und dem oft einfachen Leben im Dorf zu schaffen. Diejenigen, die nicht mit der Schulausbildung fortfahren, arbeiten beispielsweise als Schneiderinnen in ihrem Heimatort und helfen der Familie oder heiraten, ziehen um und bauen eine eigene Familie auf.

Kurzer Einblick in den Tagesablauf der Mädchen

Der Tag der Schülerinnen beginnt täglich um sechs Uhr. Sie waschen sich und machen sich fertig, um um sieben Uhr gemeinsam mit den Schwestern und Priestern eine halbstündige Messe zu feiern. Danach arbeiten sie entweder im Garten oder auf dem Gelände, bevor pünktlich um halb neun der Unterricht beginnt. Frühstück gibt es erst um halb elf und gegessen wird dabei Porridge (Maismehl mit Wasser). Mittags und abends gibt es diesen Maisbrei in fester Form mit Bohnen. Gelegentlich gibt es dazu auch anderes Gemüse oder Cassava, bzw. Süßkartoffeln. Der Unterricht geht täglich bis 16 oder 17 Uhr, danach arbeiten sie auf dem Gelände, haben Freizeit und duschen. Um 18 Uhr versammeln sich alle Schülerinnen zum Rosenkranzbeten in der Kirche. Unter der Woche machen sie abends Schularbeiten. Sister Annes Devise, dass die Mädchen rund um die Uhr beschäftigt sein sollen, um nicht zu viel an zu Hause zu denken oder Zeit haben, sich mit den Jungen in Alenga zu treffen, ist also deutlich spürbar.

Computerkurs – mit den Basics beginnen

Mehrere Stunden die Woche habe ich die Möglichkeit, mit den Mädchen an acht Laptops zu arbeiten, was nicht nur ihren Horizont in Richtung der technisierten Welt erweitert, sondern ihnen insbesondere helfen soll, wenn sie für eine Arbeitsstelle auf Computerkenntnisse angewiesen sind. Im ersten Jahrgang habe ich ganz von vorne angefangen. Zwar hatten sie durch meine Vorgängerin Paulina schon einige Vorkenntnisse, dennoch war es sinnvoll, ihnen noch einmal zu zeigen, wie der Laptop aufgebaut ist, wo er an und aus geht, was man mit der Maus alles machen kann und wie man die Tastatur überhaupt benutzt. Da Paulina schon mehr Zeit mit dem zweiten Jahrgang an den Notebooks verbracht hat, kann ich mit ihnen das Zehn- Finger-Schreiben üben und richtige Texte auf Word verfassen, ich habe sie beispielsweise mit den verschiedenen Schriftarten, -größen, Listen etc. vertraut gemacht und diktiere jetzt oft Texte, die sie dann in bestimmten Formen oder Farben tippen sollen, so dass ich gleichzeitig Tippen, Englisch und Allgemeinwissen trainiere. Für diese Stunden brauche ich viel Geduld und erkläre oft drei- oder viermal, bevor etwas funktioniert. Langsam verstehe ich, wie meine Lehrer sich manchmal gefühlt haben müssen.

Englischunterricht – wer braucht schon Satzzeichen und Grammatik?

Wie ich bereits berichtet habe ist das Level der Schülerinnen sehr unterschiedlich. Das Schriftenglisch variiert von einem geheimnisvollen Mix aus Lango und ausgedachter Sprache bis zu gut lesbaren Texten. Meine Herausforderung hier ist also irgendwie alle Mädels zu erreichen und zu fördern und nicht einige auf der Strecke zu lassen oder andere zu sehr zu langweilen. Dennoch ist besonders auffällig, dass alle Mädchen sich mit den englischen Satzzeichen wie Komma, Apostroph und insbesondere dem Punkt am Ende des Satzes schwer tun, obwohl dieser auch in Lango gemacht wird.

Im ersten Jahrgang habe ich momentan sechs Schülerinnen, die kaum bzw. gar kein Englisch beherrschen. Für sie habe ich eine Nachhilfestunde ein- oder zweimal die Woche eingerichtet. In dieser Stunde übe ich die Grundlagen. Zum Beispiel: Wie sage und schreibe ich, wer ich bin, wie alt ich bin, woher ich komme etc.. Da viele der Mädchen nur die Chance hatten, eine staatliche Primary School zu besuchen, in der oft weniger Wert auf das Erlernen von Englisch gelegt wird, das immerhin Amtssprache Ugandas ist, schämen sie sich oft oder haben Angst, wenn man sie zum Englisch sprechen auffordert. Wenn man bedenkt, dass sie sich in der Lokalsprache Lango nur mit weniger als sechs Prozent der Bevölkerung Ugandas unterhalten können, ist das aus deutscher Sicht eigentlich unvorstellbar. Diese Beobachtung konnte ich während der Debatte machen, die einmal wöchentlich stattfindet und die sich so von meinen deutschen Erfahrungen unterscheidet, dass sie einen eigenen Artikel wert ist.

Sportunterricht – unsere Lieblingsstunde

Der Sportunterricht findet zweimal wöchentlich für eine Stunde statt und besteht aus 50 Minuten Netball (ähnlich wie Basketball, nur ohne prellen und mit ständigem Ballwechsel zwischen den Spielern) oder Volleyball. Es gibt leider keine richtigen Felder, sodass wir des Öfteren an einem Stein umknicken oder nicht ganz klar ist, ob der Ball nun im Aus ist oder nicht. Danach machen wir noch kurz Muskelübungen und zum Abschluss dehnen wir uns. Francesca und mir macht die Sportstunde besonders Spaß, wir spielen jedes Mal mit und sind dabei nicht wirklich als Lehrkräfte gebraucht, sondern eher als weitere Spielerinnen, die einfach für die Gruppe verantwortlich sind. Man merkt, dass einige Mädchen beim Sport richtig aufblühen und dass allen diese lockere Stunden des „Auspowerns“ gut tut.

Und sonst so?

Außer diesen Stunden verbringen wir Zeit mit den Mädchen in einer „Musik, Spiel und Spaß“- Stunde, aus der wir im nächsten Jahr gerne eine Theaterstunde machen möchten- ich werde dann berichten- sowie im Nähunterricht, in dem wir ab und an unser Glück versuchen und sogar schon eine Tasche und Vorhänge für unsere Regale fertig gebracht haben, und in unserer Freizeit. Wir versuchen den Tagesablauf der Mädchen kennenzulernen und mitzuerleben, so dass wir auch mit ihnen Feuerholz sammeln gehen, Süßkartoffeln ernten, kochen, sticken, singen, tanzen oder einen Film schauen, also immer das, was gerade so ansteht oder worauf sie Lust haben.

Außerdem planen wir eine Art „Aufklärungsarbeit“ für das nächste Jahr. Dort möchte ich einmal wöchentlich mit den Mädchen über Themen wie HIV und AIDS, Familienplanung und Allgemeinwissen wie Geografie, Geschichte etc. sprechen. Während meiner Stunden ist mir häufiger aufgefallen, dass für uns selbstverständliches Allgemeinwissen bei dem Großteil der Schülerinnen nicht gefestigt ist. Sie konnten mir beispielsweise nicht sagen, wie viele Kontinente es auf der Erde gibt oder was deren Namen sind.
Ich lerne eigentlich jeden Tag während meiner Arbeit etwas Neues kennen, das ich mir so nie vorgestellt hätte. Das gibt mir viel Stoff zum Nachdenken und macht mich oft wütend oder traurig über die ungleichen Chancen für Kinder und Jugendliche auf der Welt. Es ist unfassbar spannend, Genaueres über die familiären Hintergründe der Mädchen, ihre Träume, Wünsche, Interessen und Ansichten zu erfahren. Auch mit den Lehrern verbringe ich gerne Zeit, sie sind aufgeschlossen, freundlich, lustig und jederzeit bereit, mir meine Fragen zu beantworten. Die Lehrer und Sister Anne können aus erzieherischen Gründen sehr streng zu den Mädchen sein und mir werden einige Lehrmethoden einfach fremd bleiben. Im Vergleich zu meiner Schule merke ich, dass die Schülerinnen deutlich disziplinierter sind und auf angemessenes, der Hierarchie einer Schule angepasstes Verhalten mehr Wert gelegt wird. Es kommt zum Beispiel nicht selten vor, dass ein Mädchen nur fünf Minuten ihrer Pause nutzen kann, weil sie dann für die Lehrer etwas erledigen muss. Die Atmosphäre in der Schule empfinde ich bis jetzt dennoch die meiste Zeit über als ausgesprochen angenehm.

Ich sende allerliebste Grüße in die Heimat und freue mich von euch zu hören,

eure Greta

 

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By | 2017-11-27T15:54:10+00:00 25. November 2017|

2 Comments

  1. Ulrich Ueberall 30. November 2017 at 20:02 - Reply

    Hallo Greta, na das klingt ja auch alles sehr, sehr spannend!!!
    Schön dass Du so gründlich in das Wissen der jungen Mädels investierst.
    Macht weiter so.
    Liebe Grüße
    Uli

    • Greta Berges
      Greta Berges 30. November 2017 at 21:07 - Reply

      Vielen Dank lieber Ulli!

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