Ein Jeepney (#2)

Hallo zusammen,

Inzwischen ist es schon wieder einige Wochen her, dass ich mich mit meinem letzten Blogeintrag gemeldet habe, und so einiges ist passiert. Ich und meine Mit-Freiwilligen stecken nun schon mitten in der Arbeit, die Vorbereitungen für das Theater sind intensiv angelaufen, wir finden uns inzwischen schon ein ganzes Stück besser zurecht, lernen weiter viele neue Dinge kennen und die Sprache Tagalog, mit der ich durch die Arbeit häufiger in Kontakt bin, verstehe ich schon ein ganzes Stück besser.

Eindrücke aus Payatas
Die Arbeitsstelle von mir und Moritz ist der Slum Payatas, einem Gebiet in Manila, in dem sich wahnsinnig viel um Müll dreht. Man hat den Eindruck, dass die gesamte Metro Manila hier ihren Müll ablädt, wenn man auf dem Weg zur Arbeit zahlreiche Deponien und Mülllaster passiert. Das Gebiet, in dem wir zuständig sind, stellt dabei allerdings nur einen wahnsinnig kleinen Teil dar. Für uns ist dort der Orientierungspunkt neben der „Sagrada Familia Chapel“, einer kleinen, einfachen Kirche, das Center. Dieses zweistöckige Gebäude umfasst zwei große Zimmer, die sowohl Klassenzimmer als auch Arbeitsplatz darstellen. Außerdem gibt es neben drei Toiletten eine Küchenzeile, in der täglich Reis für das Ulam, also das eigentliche Gericht zum Reis, gekocht wird. In den Klassenzimmern unterrichten neben einigen freiwilligen Helfern und Referenten vor allem die drei Lehrer Erika, Jeremy und Edwin. Diese bereiten gerade die älteren Schüler auf die Prüfungen kommenden November vor. Im Center trifft man außerdem Sister Frances, hier für Puso sa Puso verantwortlich, sowie die Social Workerin Celine an, die ganz viel im Kontakt mit den Familien steht. Celine war es auch, die uns am ersten Tag mit einer kleinen Orientierung einführte, uns zu den Plätzen mitnahm, an denen wir unterrichten sollten, und uns den Familien vor Ort vorstellte. So hatten wir die Möglichkeit, einen ersten Blick auf die neue und für uns ungewohnte Umgebung zu werfen. Viele der Familien dort leben in Häusern aus unverputzem Stein, andere in welchen, die aus Blech und Holz gebaut wurden. Manche Häuser sind mehrstöckig, die Mehrheit aber einstöckig, Einige haben Fenster aus Fensterglas, andere einen Vorhang, um es zu verschließen.

Den Rest unserer Woche konnten wir uns auf unsere erste Unterrichtseinheit mit den Kindern am Freitag vorbereiten und Ideen und Material im Center sammeln. Die Gruppen, die wir unterrichten, haben bis zu ihrer Abreise die beiden polnischen Freiwilligen Danusia und Piotr unterrichtet. Pro Tag unterrichten wir, so der Plan, fünf Klassen mit insgesamt 28 Schülern. Dass dieser Plan nicht immer einfach umzusetzen ist, liegt daran, dass zum Teil Stunden nicht stattfinden können, weil sich die Kinder im Moment irgendwo anders herumtreiben oder gerade schlafen. Zum eigentlichen Stundenbeginn waren, zumindest am Anfang, die Schüler sowieso noch nicht da. Inzwischen funktioniert das aber in einigen Klassen ganz gut, oft sind die Eltern auch stark dahinter her. Zum Teil läuft es aber auch nicht nach der geplanten Liste, weil einige der Kinder noch nie aufgetaucht sind, aus welchen Gründen weiß ich nicht. Dafür nehmen oft andere Kinder an meinem Unterricht teil, zum Teil sind sie eigentlich zu alt dafür. Ein weiterer Grund dafür, dass der Unterricht nicht stattfinden kann, sind Taifunwarnungen oder Streiks im Nahverkehr, die es jetzt wie heute schon mehrere Male gegeben hat.

Unterrichtsbedingungen in den Familien
Die Plätze, an denen ich unterrichte, unterscheiden sich ganz stark voneinander. Bei zwei der Familien gibt es für alle Kinder einen Sitzplatz auf einem Stuhl oder auf einer Bank am Tisch. Eine Klasse hat aber zum Beispiel meist nur einen Tisch, um den die Kinder stehen, zwei andere wiederum unterrichte ich am selben Platz, einer Bank, der gegenüber ich mich auf einen Stuhl setze, einen Tisch gibt es hier nicht. Alle Klassen werden bei guten Wetter draußen unterrichtet, was den Unterricht oft erschwert, weil die Kinder durch alles Mögliche abgelenkt werden können wie zum Beispiel Leute oder Tiere, die vorbeilaufen, oder Fahrzeuge, die vorbeifahren. In meiner Anfangszeit merke ich gerade, dass es überhaupt sehr schwierig ist, die Aufmerksamkeit der Kinder zu gewinnen und diese ständig zu haben, da die Aufmerksamkeitsspanne in diesem Alter unglaublich kurz ist. Daher probiere ich viele verschiedene Sachen aus, wie ich es am besten anstelle. Generell besteht der Inhalt meiner Stunden derzeit noch daraus, herauszufinden, wie viel die Kinder schon wissen oder können. Dabei können meine Schüler, aber auch die Eltern, einen schier zur Weißglut bringen: Die Kinder, wenn sie sich nicht anständig benehmen, überhaupt nicht aufpassen oder etwas komplett anderes machen, als ich ihnen sage; die Eltern, die oft mit von der Partie sind, weil sie ihre Kinder selbst unter Druck setzen, damit diese beispielsweise schon nach einer Sekunde das Richtige sagen und tun, ihnen die Lösung vorplappern, die noch nicht einmal stimmen muss, oder aber, weil sie sich mit den anderen Eltern im Hintergrund lautstark unterhalten und so den Lärmpegel, der ohnehin schon hoch ist, weiter steigern.

Gerade am Anfang waren die Stunden des Öfteren sehr frustrierend, aber das gehört zu diesem Lernprozess einfach dazu. Ich merke im Moment aber schon eine Verbesserung, tue mich auch mit der Vorbereitung der Stunden leichter und die Arbeit bereitet mir manchmal wirklich Freude. Ich hoffe das bleibt so.

Stimm- und Tanzübungen für ein Theaterstück
Eine Sache, die im Moment einen großen Teil unserer Freizeit einnimmt, sind die Vorbereitungen auf das Theaterstück „A Midsummernight’s Dream“ von William Shakespeare. Hierfür absolvieren wir gerade mit den angehenden Priestern aus dem Konvent in Loyola und den Kollegen aus Payatas und Parola immer wieder Workshops. Diese zielen darauf ab, unsere Fertigkeiten im Bereich Stimmbeherrschung und -variation sowie Tanz und Bewegung zu verbessern. Eigens dafür gibt es einen professionellen Tanzlehrer und einen Coach, der sich beruflich dem Theater spielen hingibt und uns dieses, mit allem was dazugehört, näher bringen möchte. Daher sollen wir im Moment auch unsere Textstellen lernen und üben. Die Freizeit, die für uns übrig bleibt, lohnt sich nicht wirklich, um am Wochenende große Ausflüge zu machen. Was sich aber perfekt eignet und was wir jetzt schon zwei mal mit Aldrin unternommen haben, sind Trips zu einer Wakeboard-Anlage in der Nähe von Manila. Es macht wahnsinnig viel Spaß, auch wenn ich erst beim zweiten Mal wirklich mehr als 20 Meter gefahren bin. Auch dies ist wiederum ein echt guter Weg, eine Weile aus der Stadt zu kommen und sich auszupowern.
Ansonsten gab es in letzter Zeit einige Momente, in denen ich wirklich Sehnsucht nach Zuhause hatte, nach Familie, Freunden und vielen anderen Dingen. Ich vermisse hier einfache Dinge wie Brot, da die Philippinen ein Land sind, das vom Weiß- und Toastbrot beherrscht wird. Da tut es ganz gut, wenn man hin und wieder ein bisschen Blasmusik hören kann. Auch die deutsche Wurst, die ich als Gastgeschenk dabei hatte und die wir letztens im Center mit den anderen gegessen haben, hat einfach fabelhaft geschmeckt.

Typisch für die Philippinen: das Jeepney
Wie versprochen, möchte ich in den Blogeinträgen immer einiges erklären, was typisch für die Philippinen ist. Heute ist das Jeepney an der Reihe. Ein Jeepney, kurz Jeep genannt, ist ein Fahrzeug, das im öffentlichen Nahverkehr eine tragende Rolle spielt, man sieht sie hier überall herumfahren. Ihren Ursprung haben die Jeepneys in den amerikanischen Armeetrucks, die nach Abzug der Amerikaner auf den Philippinen blieben und munter umgebaut wurden. Die Fahrzeuge sind weitaus länger als die ursprünglichen Trucks und in dieser Form kaum wiederzuerkennen. Elementare Dinge, die jedes Jeepney besitzt und ausmacht, ist der mittige Einstieg am hinteren Ende des Fahrzeugs und zwei lange Sitzbänke rechter- und linkerhand dieses Einstiegs, die bis zum Fahrersitz reichen, dazu parallel zwei Stangen an der Decke, an denen man sich während der Fahrt festhalten kann. Weiter ist unter der Windschutzscheibe und an den Seiten angeschrieben, zwischen welchen beiden Punkten das Jeepney hin und her pendelt. Um zu erfahren, welche markanten Punkte auf dem Weg dieser festgelegten Route liegen, schaut man auf die Windschutzscheibe, hier werden nämlich immer Schildchen geklemmt, auf denen diese Information steht. Hat man ein Jeepney erblickt, dass diese Route fährt, winkt man einfach kurz dem Fahrer und dieser hält schnellstmöglich an, dabei ist es ihm meist völlig egal, ob er gerade mitten auf einer Kreuzung steht beziehungsweise andere Fahrzeuge blockiert. Möchte man bezahlen, sagt man einfach kurz „bayad po“ und das Geld wird nach vorne durchgereicht. Sagt man „para po“ oder zieht man an einer Leine, die in vielen Jeepneys an der Decke befestigt ist und ein Lämpchen beim Fahrer aufblinken lässt, so hält das Jeepney an und lässt die Fahrgäste aussteigen. Ein Jeepney fasst in der Regel circa zwanzig Fahrgäste, dann sitzt man allerdings auch drin wie in einer Sardinenbüchse.

Kreative Gestaltung der Jeepneys
Bei der sonstigen Gestaltung der Jeepneys ist der Kreativität der Besitzer keine Grenze gesetzt. Von sehr schlicht gehaltenen über total verchromten bis hin zu mit knallbunten Grafittiybildern bemalten Fahrzeugen findet man alles. Häufig wird auf dem Kühlergrill oder an der Seitenwand ein großer Mercedes-Stern befestigt, auf der Motorhaube sieht man oft viele Pferdefiguren oder mehrere sehr lang gezogene Hupen. Die Hupe hat nicht nur teilweise sehr seltsame Klänge sondern wird auch ganz unterschiedlich betätigt, oft wurde sie so umgebaut, dass man an einem Strick oder einer Kette an der Decke ziehen muss. Manche Jeepneys sind tiefer gelegt oder fahren beispielsweise vorne mit kleineren Reifen als hinten. Der Auspuff einiger Jeeps wurde derart bearbeitet, dass er nicht nur wahnsinnig laut ist, sondern auch ein eher röhrendes Geräusch von sich gibt. Je nach Fahrzeug sind zum Teil fette Boxen verbaut, aus denen laute Musik schallt, passend dazu manchmal blinkende Lichter an der Decke. Die Decke der Jeepneys ist manchmal mit Leder überzogen, dazwischen eventuell einige Spiegelvarianten, manchmal besteht er aus bemaltem Holz. Verglaste Fenster hat ein Jeepney in der Regel, abgesehen von der Windschutzscheibe und eventuell den Scheiben der Fahrer- beziehungsweise Beifahrertür nicht. Manchmal sieht man Schiebefenster aus Plastik, der Standard ist aber eigentlich kein Fenster. Falls das Wetter umschlägt und es regnet, werden einfach durchsichtige Plastikplanen, die oben am Fensterrahmen befestigt sind, ausgerollt.

Ein weiterer Punkt, der ganz stark von Gefährt zu Gefährt variiert, ist der Komfort: einige Jeepneys sind sehr bequem und gut gepolstert, bei anderen wiederum hat man das Gefühl, auf einem Brett zu sitzen. Aufgrund meiner Größe habe ich auch das Gefühl, dass ich zum Jeepneyfahren nicht geeignet bin, da ich des Öfteren nicht aufrecht sitzen kann oder meine Füße sehr weit in den Gang ragen und die Leute nur schwer daran vorbeikommen. Das Aussteigen bleibt meinem Kopf auch manchmal in schmerzhafter Erinnerung.

Wahnsinnig bequem ist das Jeepneyfahren generell eigentlich nicht, es hängt natürlich immer von den Fahrkünsten des Fahrers ab, wobei ich finde, dass Fahrkomfort und -gefühl eher an einen Bulldog als an ein Auto erinnern.

Der Preis für eine Fahrt variiert je nach Strecke zwischen acht und zwanzig Pesos, so meine Erfahrung. Manche der Fahrgäste bezahlen auch wirklich erst, wenn sie am Zielort angekommen sind. Bemerkenswert ist aber wirklich, dass jeder bezahlt. Ich bezweifle, dass das in Deutschland genau so funktionieren könnte, ob da auch wirklich alle Menschen so ehrlich wären.

Der enge Gottesbezug der Filipinos zeigt sich auch bei den Jeepneys. An fast jedem findet man einen Rosenkranz, eine Marien- oder Jesusfigur sowie Sprüche wie „God bless our trip“ (=Gott segne unsere Fahrt) angebracht. Viele Fahrer machen beispielsweise zudem ein Kreuzzeichen, bevor sie losfahren.

Über die Fahrer und das Begleitpersonal
Bei den Fahrern hat man das Gefühl, dass es eine ganz eigene Community und ein ganz eigener Schlag Leute ist, nicht selten sieht man einen Fahrer auf der Rückbank seines Jeepneys übernachten. Oft unterhalten sich die Fahrer zweier Jeepneys, wenn sie gerade zufällig nebeneinander im Verkehr zum Stehen kommen oder rufen sich im Vorbeifahren etwas zu. Am Geschäft mit den Gefährten sind aber nicht nur die Fahrer, sondern weitaus mehr Personen beteiligt. So gibt es des Öfteren Fahrer, die neben sich auf dem Beifahrersitz jemanden haben, der für sie das Geld kassiert, die Schilder wechselt, die Punkte auf der Route für die mögliche Fahrgäste auf der Straße ausruft oder für die Musik zuständig ist. An Punkten, an denen viele Jeepneys ihre Kunden aufgabeln, stehen auch häufig Leute, die die Passagiere in die richtigen Fahrzeuge weisen und diese füllen, um so von jedem Fahrer ein bisschen Geld zu bekommen. Wiederum andere verkaufen auf den Straßen gekühltes Wasser, Snacks, Zeitungen oder stapelweise Lappen, mit denen die Fahrer häufig über das Lenkrad oder den Schaltknauf wischen. Laut meinem Reiseführer sind es circa 60.000 Jeepneys, die täglich in Manila unterwegs sind, also ein wahnsinnig wichtiger Teil der öffentlichen Verkehrsmittel. Da ist es klar, dass viele Menschen aufgrund eines Streiks der Fahrer nur schwer ihren Zielort erreichen können. Heute und gestern zum Beispiel hatten wir frei, weil die Fahrer streiken, um sich so gegen Pläne der Regierung zu wehren, die alle Jeepneys, die älter als 15 Jahre alt sind, aus dem Verkehr ziehen möchten und diese durch modernisierte Versionen ersetzen möchten. Diese sieht man vereinzelt schon, haben allerdings weitaus weniger Charme, sind nicht mehr einzigartig sondern standardisiert und würden Manila ein Stück Kultur und eine eigene Lebensweise rauben. Dafür spricht allerdings, dass so die Luft ein gutes Stück weit entlastet werden würde, da Jeepneys sicher nicht zu den Fahrzeugen mit den besten Abgaswerten gehören. Es wird mit Sicherheit eine spannende Frage bleiben.

Viele Grüße aus Manila

Jakob

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Von | 2017-10-27T16:14:33+00:00 17. Oktober 2017|

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