Durchatmen

Barranco, den 23.10.2017

Endlich! Intensiv spüre ich, wie sich die Ruhe und Zufriedenheit in mir breit macht, wenn das Wasser an meinem Körper entlanggleitet. Wie ich es, als langjährige Schwimmerin, vermisst habe. Und dann auch noch im pazifischen Ozean. Der Geruch und Geschmack nach Salz, und der Sand unter mir lassen mich frei fühlen. Nach langer Verzögerung scheint sich der Frühling hier durchzusetzen und es wird warm. Trotz Morgenkühle und Nebel hält mich nichts mehr davon ab, ins kühle Meer zu schreiten, um dann doch noch von der Sonne und einem blauem Himmel begrüßt zu werden. Der erste Badetag in Barranco ist sehr schön. Zudem ist es auch eine Möglichkeit, mal durchzuatmen, es ist kaum etwas los, demnach relativ ruhig. Das brauche ich hier auch mal ab und zu: Abschalten und Ruhe. Dafür werde ich mir zukünftig auch immer wieder bewusst Zeit nehmen. Ich liebe Action und Abenteuer, wenn etwas passiert und es nie langweilig wird. Genauso aber bin ich gerne mal in Stille und lasse meine Seele baumeln.

Hallo meine Freunde, es gibt mal wieder einiges zu erzählen!
Letzte Woche habe ich einen Versuch gestartet, mal eine Zeit lang in Ruhe zu verbringen. Dafür habe ich mich auf den Weg hoch nach 27 de Junio gemacht,  auf den Sandhügel (dort wohnen einige Kinder vom Casa). Beim letzten Mal war es da oben sehr still im Vergleich zu unten und ich dachte mir, das ist eine gute Möglichkeit, um abzuschalten. Oben angekommen, gab es einen Stein, der einlud, sich hier eine Zeit lang niederzulassen. Leider machten mir einige Hunde einen Strich durch die Rechnung und da ich es nicht riskieren wollte, gebissen zu werden, entschloss ich mich dazu, wieder runterzugehen. Nicht ganz der eigentliche Plan, aber nun ja. Umso toller war der Morgen dann am Meer, drei Tage später.

Ruhe und Stille waren theoretisch auch für Sonntag, den 22.10.2017 vorprogrammiert, denn in ganz Peru war die Volkszählung (el censo). Das heißt, viele Freiwillige, Schüler und Mitarbeiter ziehen um die Häuser, klopfen und zählen die Menschen. Demnach galt es von morgens 8:00 Uhr bis 17:00 Uhr in den Häusern zu bleiben. So blieben auch wir in unserer Wohnung. Schon krass die Vorstellung, dass Lima auf einmal menschenleer ist. Trotzdem liefen auf den Straßen Leute herum, wahrscheinlich waren sie schon gezählt. An so eine Durchführung wäre in Deutschland nie zu denken. Und letztendlich wusste keiner genau, wie es ablaufen würde. Vor allem kamen Fragen auf wie zum Beispiel: Was machen Touristen, die an diesem Tag am Flughafen landen oder eine Tour nach Macchu Picchu gebucht haben? Für mich war das eine komische Situation und ich bezweifle auch, dass jedes Haus abgeklappert wurde… Aber es war auch cool, wann bekommt man schon mal eine Volkszählung auf diese Art mit? Jedenfalls waren die Straßen San Genaros trotzdem nicht menschenleer, wenn auch um einiges leerer als sonst. Ich würde echt gerne wissen, wie viele Busse an diesem Tag gefahren sind, eine krasse Vorstellung, dass in ganz Peru für ein paar Stunden der Verkehr lahm liegt.

Ministrantendienst in Santa Rosa
Seit letzter Woche bin ich bei den Ministranten der Gemeinde Santa Rosa, ich habe dort eine Freundin und da ich in Deutschland einige Zeit ministriert habe und mir das Leben in der Gemeinde schon immer wichtig gewesen ist, war es ein Wunsch von mir, dort teilzunehmen. Herzlich wurde ich aufgenommen und schon nach dem ersten Treffen war mir klar, dass das eine ziemlich coole Gruppe ist. Gleich am Freitag (20.10.2017) durfte ich dann zum ersten Mal ministrieren. Dass ich allein sein würde, hatte mir jedoch niemand gesagt. So musste ich dann, nach einer einminütigen Einweisung vor dem Gottesdienst, auf meine Kenntnisse aus Deutschland vertrauen. Mit ein paar kleinen Fehlern und Verzögerungen ging es aber dann doch erstaunlich gut und es war schön, das auf eigene Faust organisiert zu haben. Es hat sehr Spaß gemacht. Mit meinem Spanisch ist nun doch schon einiges möglich. Am Sonntag gab es einen internationalen Gottesdienst, in dem ich sogar etwas vorlesen durfte. Es war eine besondere Ehre für mich, dass mir schon so früh die Aufgabe zu Teil wurde, der Gemeinde etwas vorzutragen. Gegen Ende des Gottesdienstes habe ich dann mein erstes Erdbeben erlebt, wobei ich erst im Nachhinein registriert habe, dass es eines war. Auf einmal standen die Menschen auf und ich wusste nicht, was los war, es ist schwer zu beschreiben, weil ich sowas natürlich nicht gewohnt bin. Schon komisch, dass das, was für mich schon immer felsenfest und sicher war, auf einmal zu beben beginnt. Daran denkt man in Deutschland gar nicht. Ein einziges Abenteuer hier!

Das Fußballspiel (Peru gegen Kolumbien) ging übrigens 1:1 aus, somit müssen sich die Peruaner bis Mitte November gedulden. Da wird dann das entscheidende Spiel über die WM-Qualifikation gegen Neuseeland stattfinden.

Besuch einer Militärbasis
Am Sonntag, 15.10.2017, haben David und ich mit Aracelly und ihrem Vater die Marinebasis in Lima (Callao) besucht, da Tag der offenen Tür war. Das war interessant zu sehen, vor allem gab es auch ein U-boot, das in Deutschland produziert wurde. Wie die Dinge um die Welt gehen… Es ist schön, Aracelly zu kennen, da wir immer wieder etwas zusammen unternehmen und viel von ihr über Peru und die Menschen erfahren.

Seit letztem Sonntag wohnen wir hier zu viert in der WG, da Andrea (aus Südtirol), eine Ergotherapeutin, für drei Monate hier leben wird. Sie ist mit der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ hier. Wir verstehen uns super, es ist auch toll, weibliche Unterstützung zu haben, hehe. Aber auch zu viert sind wir eine tolle Gruppe! Andrea wird dann hauptsächlich in einem Therapiezentrum in der Nähe arbeiten.

Mit den Kindern wird es nach wie vor nicht langweilig: letzten Mittwoch bereicherten sie mit ihrem Auftritt ein Fest hier in der Gemeinde. Ein Fest für behinderte Kinder (fiesta de los niños con habilidades diferentes). Das war mal ’ne Party! Schön zu sehen, wie viel Wert darauf gelegt wird, zwischenmenschliche Beziehungen zu pflegen, obgleich gesund oder krank, arm oder reich(er). Hier kommt es auf die Gemeinschaft an, und das erfüllt das Herz wirklich.

Krankenbesuche
Des Weiteren ist zurzeit eine österreichische Ärztin (Karin) da. Sie war schon mehrmals auf eigene Faust hier und hilft, wo sie kann. Ich habe das Glück, ein bisschen mit ihr unterwegs sein zu können. Ich bewundere sie für ihren Einsatz und ihre Leidenschaft. Gerade für mich ist es sehr wertvoll und interessant, Einblick in ihre Arbeit hier zu bekommen, da ich gerne Medizin studieren würde. Vor allem aber identifiziere ich mich mit ihrer Motivation hinter dem Arztsein. So laufen wir, nur ein paar Straßen unterhalb meiner Wohnung, über Sand und Stein und besuchen Kranke. Diese Bilder werde ich nie vergessen. Oft werden einfache Krankheiten lange nicht therapiert, da kein Geld und keine Unterstützung da ist. So leben die Menschen mit den Krankheiten und die niedrigen hygienischen Standards machen die Situation dann auch nicht besser. Sehr auffällig ist hier unter anderem der Zustand der Zähne. Vielen Kindern fehlen schon Zähne weil sie verfault waren und rausgenommen wurden. Karin und ich haben für die Kinder der Hausaugabenbetreuung Zahnbürsten und  –creme besorgt, die Kinder sind voll darauf abgefahren. Einer Familie wurde zudem ein Engel geschickt: Karin fiel in einem Gottesdienst ein kleines Mädchen (drei Jahre alt) mit einem gutartigen Tumor im Gesicht auf. Die Mutter ist sehr besorgt und wartet schon seit der Geburt ihrer ersten Tochter darauf, dass etwas passiert. Geändert hat sich bis jetzt jedoch nur die Farbe und Größe des Tumors. Generell wissen hier einige Ärzte oft auch nicht wirklich Bescheid, empfehlen absurde Therapiemöglichkeiten und versuchen so, sogar den ärmsten das Geld aus der Tasche zu ziehen (nach Berichten Karins). Traurig. Bei einem Gespräch über Befund und weiteres Verfahren habe ich dann die Rolle der Übersetzerin eingenommen, und ich war erstaunt, wie gut es geklappt hat. Letztendlich wird es wahrscheinlich daraus hinauslaufen, dass Karin die Kleine nach Österreich holt und eine Operation organisiert. Durch eine kurze Begegnung wird nun also das Leben einer Familie verändert und genau das sind diese Momente, an denen man festhalten sollte.

Am Wochenende wird das 150-jährige Jubiläum der Combonimissionare gefeiert, das wird bestimmt ein tolles Fest! Ich freue mich schon, die Prozession als Ministrantin begleiten zu dürfen.

Wie ihr seht, sind meine Tage nach wie vor mit purem Leben und purer Leidenschaft gefüllt. Zwischen all dem Stress, den Aufgaben und Verpflichtungen: Gönnt euch immer wieder Momente für euch selbst, atmet durch und genießt das Leben. Es ist verdammt gut!

In diesem Sinne, bis bald und ganz herzliche Grüße

Eure Marlene Helena

 

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Von | 2017-10-27T16:14:14+00:00 26. Oktober 2017|

4 Kommentare

  1. H. Katzer 29. Oktober 2017 um 20:39 Uhr- Antworten

    Liebe Marlene Du machst das toll, wir freuen uns auf jeden deiner Berichte.
    Alles Gute u. Liebe, Opa u. Oma aus U’ko !

    • Marlene Mangold
      Marlene Mangold 30. Oktober 2017 um 05:53 Uhr- Antworten

      Meine Lieben, schön, dass euch meine Berichte gefallen. Ihr fehlt mir hier. Kussi

  2. Heike aus Ulm 31. Oktober 2017 um 22:33 Uhr- Antworten

    Liebe Marlene, schön, dass es Dir so gut gefällt und Du Dich schon nach so kurzer Zeit sogar als Übersetzerin einbringen kannst. Hut ab, echt klasse! Wahrscheinlich träumst Du inzwischen auch schon auf Spanisch,oder?
    Ja, öfters mal durchatmen und bewusst das Leben, den Moment genießen, das tut sehr gut und wir sollten es viel öfter bewusst tun.

    Ich wünsche Dir weiterhin eine spannende Zeit 🙂
    Liebe Grüße aus Ulm, Deine Heike

    • Marlene Mangold
      Marlene Mangold 1. November 2017 um 01:50 Uhr- Antworten

      Ach meine liebe Heike, das ist ja schön von dir zu hören.
      Ja ich habe auch großen Spaß daran, mich auf Spanisch zu unterhalten und mich jeden Tag zu verbessern. Bis jetzt konnte ich mich nicht an viele Täume erinnern, aber wer weiß, wer weiß…. 🙂
      Hoffe euch geht es gut, ich denke an euch.
      Bis bald meine Liebe!
      Liebe Grüße von nebenan

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