Abgehärtet!

San Genaro, den 08.10.2017
Mein Kopf brummt, ständig muss ich husten, mir ist heiß und kalt, ich schwitze und doch bekomme ich Gänsehaut; ich bin erkältet. Zu meinem Glück sollte ich ausgerechnet jetzt Duschen gehen. Zu Hause würde ich mich freuen; an dieser Stelle käme ein heißes Erkältungsbad mit Früchtetee und entspannender Musik. Hier kostet es jedes Mal eine Menge Überwindung, sich unter die Dusche zu stellen und zu versuchen, sich irgendwie auf den Winter vorzubereiten, der gleich auf einen einströmen wird. Bei mir in Lima neigt sich der Winter dem Ende zu, langsam fängt der Frühling an, wobei hier genaugenommen nicht von vier Jahreszeiten die Rede ist, sondern von Sommer und Winter. Unterscheidungsmerkmal: Im Sommer ist der Himmel blau, im Winter bleibt er immer grau. Wie auch immer, ich spreche hier von Winter, da unser Duschwasser eiskalt ist. Ist man dann erstmal ein bisschen nass, entscheidet sich das gute Wasser des Öfteren mal um, doch nicht mehr zu kommen. Da steh ich dann, nass und krank, in der Hoffnung, dass dieser Duschgang doch endlich bald beendet ist.

Hallo meine lieben Freunde, mittlerweile bin ich wieder einigermaßen gesund, aber ich kann euch sagen, auch ohne Schnupfen, Husten oder sonstige Beschwerden ist das Duschen hier kein Traum. Aber es geht, man gewöhnt sich daran. Immerhin sollen kalte Duschen ja gesund sein…Was ich sagen will ist, dass ich nach zwei Monaten schon ziemlich abgehärtet bin. Nicht nur was das Duschen betrifft. Viele alltägliche Dinge erlebe ich hier anders als in Deutschland. So muss ich akzeptieren, dass die Wohnung immer etwas staubig sein wird, Lima ist eine sehr sandige Stadt, vor allem Chorrillos, oder, dass die Klospülung mal keine Lust hat, dass auch mal im Dunkeln gekocht werden muss, dass die Organisation hier einfach anders läuft, als ich es gewohnt bin, dass ich hier nie dunkles Brot finden werde, dass ich das Leitungswasser hier nicht trinken kann, da es Schwermetalle enthält, dass das Internet macht, was es will, dass es 24/7 laut ist (seien es hupende Autos, schreiende Kinder, bellende Hunde, laute Musik, diverse Alarmsirenen oder Feuerwerk). Manchmal wünsche ich mir schon, zu Hause auf meinem Sofa zu liegen, in den blauen Himmel zu schauen und vor allem eines zu hören: Nichts. Es ist gut, ein bisschen an zu Hause zu denken. Aber das ist auch die Erfahrung, die ich gesucht habe. Andere Umstände akzeptieren zu müssen, und trotzdem dieses Leben lieben zu lernen.

Am meisten werde ich hier jedoch abgehärtet, sehen zu können, wie manche Menschen leben. Da können sich die kleinen alltäglichen Hürden ganz schnell minimieren. Auch wenn mich die Kinder und Jugendlichen so oft zum Lachen bringen, lerne ich doch immer mehr über die individuellen Personen und deren Leben kennen und muss oft feststellen, dass jede(r) doch ihr (sein) ganz eigenes Kreuz zu tragen hat, sei es ein fehlender Vater, eine kriselnde Familiensituation, mangelndes Selbstbewusstsein, Einsamkeit, um einige zu nennen. Umso glücklicher bin ich, dass genau diese Menschen das Haus der Talente besuchen und ich Teil davon sein darf, ihnen eine Perspektive zu bieten.

In den letzten zwei Wochen habe ich wieder einiges erlebt und immer wieder bin ich erstaunt und gleichzeitig so dankbar, da es rückblickend einfach unglaublich ist. Nach diesen paar Wochen habe ich das große Glück, schon ziemlich gute Freundschaften aufgebaut zu haben bzw. aufzubauen. Da merke ich, dass das ein maßgeblicher Teil vom „Nehmen“ ist. Ich lebe hier mit Herzblut und habe viele Ideen. Gleichzeitig empfange ich jetzt schon so viel Herzlichkeit, Vertrauen und Freundschaft.

Am 30. September fand morgens eine kleine Ausstellung zum Thema Umwelt statt, welche sowohl Kinder aus dem Casa, als auch von der Hausaufgabenbetreuung besuchten. Das war eine schöne Konstellation. Diese Thementage, so will ich sie jetzt mal nennen, finden vier Mal im Jahr statt und werden hauptsächlich von der Sozialarbeiterin Ana Maria und Sophia  (sie macht auch die Bastelstunden im Casa) organisiert. Dieses Mal ging es um die Umwelt. Mit Quiz, Bitten für die Umwelt und Bastelwettbewerben wurden die Kinder an das Thema herangeführt. Mir hat es sehr gefallen, da es in meinen Augen wichtig ist, den Blick für die Umwelt zu schärfen, schon allein wenn man die Situation mit dem Müll hier betrachtet (man bekommt wirklich überall Plastiktüten, der Müll wird auf der Straße gesammelt, es gibt keine Mülltrennung).

Seit gestern kümmern David, Jonathan und ich uns um das Casa, da Oskar unseren Hausmeister für eine Woche vertritt. Das ist schon ein bisschen anstrengend muss ich sagen, aber es macht natürlich auch Spaß und ich übernehme gerne (auch viel) Verantwortung. Ich denke, Jonathan ist hier gut angekommen und das Zusammenleben klappt gut, auch wenn manchmal die Vorstellungen, was den Haushalt betrifft, auseinander gehen. Man findet seine Wege, mit Offenheit und Ehrlichkeit kommt man ein ganzes Stück weit.

Die letzten zwei Sonntage waren wieder Feste in den Gemeinden, bei denen die Kinder mit ihren Stelzen getanzt haben, aber auch andere Gruppen vom Casa (Modern Dance, Ballett, Breakdance, Tinkus, traditioneller Tanz) haben ihr Können unter Beweis gestellt. Mittlerweile weiß ich schon genau, was zu tun ist und welche Vorbereitungen getroffen werden müssen für einen gelingenden Auftritt. Gerade die letzten Male haben mir wieder gezeigt, dass ich hier absolut richtig bin. Das Haus der Talente bietet eine wahnsinnige Vielfalt, sodass für jeden Geschmack etwas dabei ist und jeder seinen Platz finden kann- früher oder später. Wenn ich sehe, mit welcher Begeisterung die Kinder und Jugendliche ihre Talente entfalten, geht mir das Herz auf. Das fehlt mir manchmal in Deutschland: Das bloße Ausüben eines Talentes mit purer Herzensfreude, ganz ohne versteifte, kompetitive Denkmuster und die Möglichkeit, dass jeder und zu jeder Zeit einsteigen und mitmachen kann. Erst nach so kurzer Zeit kann ich mit ein bisschen Scharfsinnigkeit erkennen, wie Kinder und Jugendliche Fortschritte machen und sich gegenseitig helfen. Das ist sehr schön.

Am Dienstag wird es nochmal spannend hier, da die Nationalmannschaft Perus gegen Kolumbien ein Spiel hat (hier in Lima), und sich dadurch für die Fußballweltmeisterschaft 2018 qualifizieren will. Es wäre natürlich ein großes Fest und eine einmalige Situation für mich, wenn Peru gewinnen würde. Deshalb, immer schön die Daumen drücken: Arriba Peru!

Jeder Tag ist also mit Leben, Action und vielem mehr gefüllt, ich habe jetzt schon einiges vor und bin gespannt, was sich davon realisieren lässt. Mehr dazu in den nächsten Einträgen. Bis dahin eine gute Zeit, wenn ihr ins Gespräch kommt, erzählt gerne von mir und meinen Erfahrungen, das schlägt Brücken, die gedankliche Grenzen lösen.

Ich denke an euch.

Herzlichst

Eure Marlene Helena

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Von | 2017-10-27T16:14:50+00:00 10. Oktober 2017|

About the Author:

Marlene Mangold
Marlene Mangold aus Oberkochen hilft für ein Jahr im Jugendzentrum "Haus der Talente" in Lima (Peru) mit.

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